Was bleibt, wenn sich alles ändert

Verfasst vonmdohr am Samstag, 11. Oktober 2025

In meinem heutigen Beitrag geht es um zwei Welten, zwischen denen ich mich bewege - die Kunst und den Code. Ich möchte weniger über äußere Umstände sprechen, sondern über das, was sich in mir verändert hat.

In meinem Leben jetzt dreht sich viel um Code. Ich befinde mich im Wandel, genauer gesagt in einer Umschulung zur Anwendungsentwicklerin und noch konkreter durchlaufe ich gerade die darin vorgesehene Praktikumsphase. Zwar hatte ich relativ viel mit HTML und CSS zu tun, doch das war eher ein Hobby. Einer meiner Lebensmittelpunkte - ja, zeitweise der Lebensmittelpunkt - war die Kunst, das Zeichnen und Malen, digital, analog, Vieles.

Zwischen diesen beiden Welten liegt eine gewisse Entfernung, wie man sich denken kann und heute will ich genau darüber schreiben und gleichzeitig mögliche Parallelen herausfiltern.

Ich zeichne ein Bild

Das Bild zeigt eine Person vom Kindesalter bis zur Erwachsenen, die Figuren überlagern sich geisterhaft. Um sie herum und im Hintergrund tummeln sich die unterschiedlichsten Formen und bunte Farben, aber auch monochrome, düstere Ausschnitte - oder Einblicke? Sie ist auch nicht allein, zwischen dem ganzen Chaos lassen sich nahezu zahlreiche Figuren oder Charaktere ausmachen. Einige sind klar zu erkennen, wieder andere verschwommen oder verblasst. In einigen spiegelt sich ein Wandel wider, es gibt zig Versionen dieser Figuren, anders, aber doch wiedererkennbar.

Das war der Reiz des Unbekannten, jedoch in bekanntem Rahmen. Neugier, eine Entdeckungsreise. Das Verlangen, etwas mitteilen zu wollen, etwas zum Ausdruck zu bringen, Geschichten zu erzählen und sich stetig zu verbessern und weiter zu entwickeln. Nun stelle man sich das Bild riesengroß vor, mit all seinen Details, gemalt, gezeichnet, geklebt mit den unterschiedlichsten Materialien und unzähligen Motiven. Es ist so groß, dass die Anfangs genannte Person kaum noch finden kann.

Wandel der Neugier

Es gab mehrere Gründe, diese Welt zu verlassen und neue Wege zu beschreiten. Mangelndes Interesse war keiner davon. Die äußeren Umstände gaben den Anstoß, doch der eigentliche Wandel war innerlich.

Ich will ehrlich sein: es war nicht einfach, diesen Wandel zu akzeptieren und ja - sich ihm hinzugeben. Und das sage ich, trotz dem die späteren Jahre meines ersten Lebens nicht so rosig waren und ich mich ziemlich verloren fühlte. Aber das hat dabei geholfen, den Wandel zu vollziehen und mich darauf einzulassen. Diese Veränderung bedeutet für mich, dass ich alle Energie die zuvor in Kunst floss, jetzt in Code und Lernen inverstiere - wenn nicht sogar mehr, da ich unter Zeitdruck stehe.

Diese ganze Situation lässt mich mit einem seltsamen Gefühl zurück und einer gewissen Zwiespalt. Vielleicht sollte ich dieses „Seltsame“ ein wenig genauer umschreiben. Es gibt die Schwierigkeit des Umdenkens. Ich muss in einiger Hinsicht die Art meines Denkens umkrempeln und neue Verbindungen in meinem Gehirn herstellen. Wie ich bisher gedacht habe und Probleme angegangen bin, ist etwas völlig anderes. Das ist ziemlich gewöhnungsbedürftig. Einerseits ist das oft frustrierend, häufig so, als würde ich entweder auf der Stelle treten oder gegen eine Wand laufen. Aber andererseits merke ich selbst ein Wachstum in mir - besonders in meinem Verstand - aber dazu muss ich immer erst reflektieren und zurückblicken, sonst sehe ich es nicht. Was aber viel seltsamer ist: ich vermisse die Welt der Kunst, aber irgendwie auch nicht. Klar, es ist nicht so, dass ich jetzt nie mehr zeichne, mich niemals nach Kunst umsehe und jetzt komplett davon abgekapselt bin. Aber anstatt mich so gut wie ständig damit zu beschäftigen, ist es nur noch etwas, was ich ab und zu mal machen kann, wenn ich gerade ein bisschen Zeit übrig habe. Meist handelt es sich nur um kleinere Zeichnungen oder Kritzeleien in meinem Journal. Und manchmal wünsche ich mir mehr Zeit, will mich kreativ austoben, was zu Papier bringen, fühle mich inspiriert. Aber dann weiß ich wiederum gar nicht, was ich überhaupt damit anfangen würde. Ich habe in dem Moment gar keine konkrete Idee und wenn kurz doch eine aufblitzt verwerfe ich sie schnell wieder. Entweder ich finde die Idee zwei Sekunden später doch nicht mehr so gut, sehe einfach keinen Sinn darin, sie umzusetzen oder beides. Ich frage mich häufig „wozu eigentlich?“. Meine Beziehung zum Zeichnen ist schwierig und kompliziert geworden, das fing aber schon vor der Umschulung an.

Wendepunkt

Das Ganze hat den positiven Nebeneffekt, dass ich mich zumindest nicht mehr deswegen stressen muss. Was vorher mal eine halbe Katastrophe war, ist jetzt ziemlich egal. Dann zeichne ich eben nichts und wenn das keinen interessiert, kann mir das auch egal sein. Es gab genug Zeiten, in denen ich viel Zeit, Mühe und Herz in ein Bild gesteckt habe. Vergebens. Jetzt kann ich entspannen. Jetzt kann ich für mich zeichnen und Wenn meine Bilder nicht gesehen werden - was soll‘s? Stattdessen konzentriere ich mich auf meine Ziele, darauf, dass ich eine gute Entwicklerin werde. Ich muss mich nicht mehr mit Social Media herumschlagen, keine Inhalte mehr hochladen, die dann kaum Beachtung finden wodurch ich in eine Identitätskriese verfalle. Die Zeiten, in denen ich komplett unbeschwert zeichnen konnte, waren schon länger dahin und doch fühlt es sich manchmal so an, als hätte ich einen Teil meiner Identität verloren. Aber dann denke ich daran, dass Coden eine Herausforderung ist, die mir Spaß macht. Es ist natürlich etwas ganz anderes, aber auch hier habe ich Freude am Entdecken und Experimentieren und das Ziel, besser zu werden. Wie spätestens in meinem letzten Blog Beitrag zum Vorschein kam, habe ich in dem Bereich „Imposter Momente“ und fühle mich öfter mal hinterher, ich glaube aber, diese Veränderung war gut für mich und trauere dem alten Leben nicht hinterher.

Fazit

Kunst wird mich immer begleiten, ich sehe keine Zukunft in diesem Leben, in der ich nicht male oder zeichne. Aber es ist besser für mich, dass es jetzt nur noch ein Hobby ist - das glaube ich. Ein Stück weit wurde das Künstlerin-sein für mich vergiftet, daran bin ich selbst nicht unschuldig, aber die Welt in der wir leben, trug viel dazu bei. Auf meine Zukunft als Entwicklerin hingegen kann ich mich freuen und gezielt darauf hin arbeiten. Vielleicht bringt diese Entwicklerin sogar eine bessere, entspanntere Hobby-Künstlerin in mir hervor.

Stimmung: Entspannt

Musik: Keine Musik

Tags:

reflexion

persönlich

entwicklung